Soziale Medien und Pseudonymität–ein Interview mit Geert Lovink

Posted: January 28, 2013 at 9:21 pm    |  1 Comment

http://www.labkultur.tv/blog/geert-lovink-zur-politik-der-sozialen-medien-und-alternativen-zu-facebook

Interview mit Geert Lovink von Julian-Dominik Seysen

Frage 1: Wie würden Sie das “Soziale” in Sozialen Medien definieren? Wieso ist Facebook ihrer Meinung nach nicht sozial und was ist das Soziale in den von Ihnen vorgestellten Alternativen? Inwiefern sind diese sozial bzw. wieso sind diese ggt. sozialer?

GL: Die Art und Weise wie Facebook, LinkedIn und andere sozialen Netze dein Umfeld definieren, ist bewusst begrenzt gehalten. Es geht im gewissen Sinne nicht um Vernetzung, sondern um Abgrenzung. Der Kern des Problems geht zurück auf die Idee, dass sich existierende Gruppen von den stetig wachsenden Onlinemeuten fernhalten. Man ist eben unter Freunden und Kollegen und hält sich auf den Laufenden. Aus künstlerischer und politischer Sicht ist das natürlich eine besonders konservative, geschweige langweilige Sicht. Spaß macht die Vernetzung erst, wenn man nicht bloß informiert ist und andere über sich informiert, sondern die wunderbaren Technologien für etwas neues benutzt, etwas, das einen überrascht. Oder wie es im Businessjargon heißt, disruptiv wirkt. Facebook ist daher so konservativ, weil es das Soziale nicht sprengt sondern einfach reproduziert. Natürlich kommen immer neue Freunde dazu… die Firmen müssen ja wachsen. Aber die Idee ist strikt genommen nicht, dass wir anfangen, etwas gemeinsam zu machen.

Frage 2: Was wäre das radikalste Projekt, das “revolutionärste” (Soziale) Medium oder Tool, dass Sie sich momentan wünschen oder vorstellen könnten, um eine ernsthafte Alternative zu Facebook oder auch zu den bestehenden, bürokratischen, politischen, staatlichen “Sozialen Medien” im weiteren Sinne zu ermöglichen? Was ist Ihre Vision oder Utopie des optimalen (sozialen) Mediums – online sowie offline?

GL: Ich mag Utopien nicht und bin kein Fan totalitärer Ideen. Das gehört zu meiner “No Future” Generation. Wir waren radikal, aber nie naive Träumer. Wir sind keine Hippies, die beim Ausverkauf mitmachen. Enttäuschungen und notwendige Dekonstruktionsrituale kann man sich ja sparen. Ich liebe die unfertige Welt. Klar habe ich Wünsche. Alternativen für Facebook sind diejenigen Projekte, die die automatische Vernetzungstechnologie ignorieren. Was mir immer auffällt ist, dass wir das offene, globale Potential von Facebook überhaupt nicht nutzen. Was könnte es bedeuten, wenn wir direkt in Kontakt treten mit all den Arbeitern in China und anderswo, die unsere Produkte herstellen? Das wäre einfach zu arrangieren, wir tun es aber trotzdem nicht. Die Welt ist daher nur ansatzweise vernetzt und unter diesen Gesichtspunkt nicht viel weiter als im 19. Jahrhundert. Wir leben noch in der kleinen Welt der Nationalstaaten. In der Nachbarschaft setzen wir das Dorf fort. Der Schock der Großstadt, so wie sie Anfang des 20. Jahrhundert erlebt wurde (als Angriff auf die Sinne), und gemäß künstlerisch verarbeitet wurde, ist abgeflacht, auch weil es nach den zweiten Weltkrieg bewusst neutralisiert wurde. Jetzt erleben wir den Schock der Informationsrevolution (die genauso auf den Nerven geht). Die Utopie der totalen Vernetzung, 24/7, im Bett und im Fahrstuhl, im Zug und Flugzeug, im Klassenzimmer und am Strand, hat für mich kein revolutionäres oder subversives Potential. Das kriegt es nur, wenn wir die Möglichkeit einer sozialen Bewegung als a priori setzen. Da liegt die große Verwirrung dieses Jahrhunderts. Information als solche setzt nichts in Bewegung. Das war der große Fehler der siebziger Jahren (und der Linken insgesamt). Bewusstwerdung der gesellschaftlichen Verhältnisse soll nicht als erster Schritt angesehen werden. Der Anfang liegt nicht in die Information, sondern im Ereignis (ich bin aber kein Heideggerfan…).

Frage 3: Inwieweit wird Ihrer Meinung nach die “Logik der Sozialen Medien” bestehende Institutionen wie z.B. auch Universitäten verändern? Sehen Sie eine Möglichkeit, dass durch Social Media sich bestehende Hierarchien, Gruppen und Arbeitsverhältnisse auch offline langfristig wandeln werden? Wenn ja, wie?

GL: Zu unterscheiden wären hier die sogenannten ‘sozialen Medien’ und das Internet insgesamt. Leider ist in der mediatisierten Öffentlichkeit das Bild der Internetnutzung verzerrt. Sozialen Medien nehmen derzeit etwa 20-30% des gesamten Verkehrs ein. Universitäten sollten daher Facebook und Twitter einfach ignorieren und weiterhin das Internet als öffentliches Netz der Netze ausbauen und sich nicht auf diese und jene Privatdienste einlassen. Wenn wir offene und freie Netze verteidigen hat das ja Konsequenzen, auch für die Art und Weise, wie öffentliche Institutionen ‘sozialen Medien’ in den Netzalltag integrieren. Es ist durchaus möglich, soziale Medien zu tolerieren (oder rede ich zu sehr als Hollanski?). Email kann als offizieller Kanal benutzt werden, Facebook aber nicht. Diese informelle Position der sozialen Medien kann man sehr gut mit den alten Chatrooms wie IRC und ICQ vergleichen. Sie rauschen vor sich hin im Hintergrund. Das ist an und für sich nicht böse. Zum Problem wird es erst, wenn sie in der kollektiven Betrachtung mit den ganzen Internet gleichgesetzt werden.

Frage 4: Welche Rolle spielt die Möglichkeit zur Pseudonymität (auch bezogen auf die Gesetzeswidrigkeit in Deutschland durch das Telemediengesetz) in den von Ihnen beschriebenen Facebook-Alternativen?

GL: Ob Pseudonymität im Moment  verboten oder umgekehrt als Lösung vermarktet wird, sollte uns nicht besonders beschäftigen. Die juristische Lage ändert sich wahrscheinlich ständig. Ich plädiere aus pragmatischen Gründen für Pseudonymität, einfach weil ich nicht (mehr) an absolute Anonymität glaube. Alle Identitäten im Netz sind auf Dauer zu knacken. Das kann einen durchaus depressiv machen. Kryptografie hat nun mal viel mit Kriegsführung zu tun und viele taktische Waffen funktionieren entweder gar nicht oder ganz kurz oder nur an bestimmten Orten, in bestimmten Fällen. Worum es geht ist, nicht auf den Druck von Marc Zuckerberg einzugehen. Auch wenn man seinen Vor- und Nachnamen nicht fälschen möchte gibt es noch viele andere Möglichkeiten, sein Profil zu ändern und nicht überall die Wahrheit einzugeben. Das kann durchaus ein Spiel sein: Andere dein Geburtsjahr, ziehe mal um in ein anderes Land und schaue, was passiert. Das ist was die Deleuzearmee immer mit ‘becoming’ meinen. Hört auf mit dem langweiligen Dasein. Langeweile ist sowieso der Feind Nummer 1 der sozialen Medien.

Responses

  1. Alex says:

    January 30th, 2013 at 7:52 am (#)

    Die letzte Frage ist sehr missverständlich formuliert. Denn nicht Pseudonymität ist in Deutschland gesetzeswidrig, sondern die Klarnamenspflicht, wie sie in Facebook und Co. festgeschrieben ist, weil das TMG die Möglichkeit Pseudonymität und Anonymität explizit fordert.

    Leider ist auch seine Antwort zur Anonymität technisch falsch. Anonymität hat nichts mit Kryptographie, also Verschlüsselung zu tun. Bei Anonymität geht es um Technologien wie Tor u. ä. Er hat insofern recht, dass absolute Anonymität im Netz nur sehr schwer herstellbar ist. Selbst bei Tor gibt es Möglichkeit, die Identität einer Person zumindest zu erraten. Das könnte man wiederum lösen, indem man die Kommunikation über Anonymisierungsdienste auch verschlüsselt.

    Aber Pseudonymität reicht ja oft schon. Wichtig ist dann, dass die Anbieter keine personenbezogenen Daten speichern.

Leave a Response